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Digitalisierung des Handels: Wie sieht der Supermarkt der Zukunft aus?

Digitalisierung des Handels: Wie sieht der Supermarkt der Zukunft aus?

Im „Innovative Retail Laboratory“ (IRL), das sich über 500 Quadratmeter in der Zentrale der Globus SB-Warenhaus Holding in St. Wendel erstreckt, entstehen neue digitale Systeme, die den stationären Handel ins neue Zeitalter führen sollen. Der wissenschaftliche Leiter, Prof. Dr. Antonio Krüger, verrät im Interview, was uns beim Einkaufen in Zukunft erwartet.

Herr Prof. Krüger, Sie sind Informatiker mit dem Schwerpunkt Mensch-Maschine-Interaktion. Das klingt erstmal nicht so romantisch. Ist Einkaufen nicht auch etwas Sinnliches?

Krüger: Natürlich. Das Auswählen von frischen Lebensmitteln ist eine angenehme und auch sinnliche Erfahrung. Die soll natürlich auch in Zukunft erhalten bleiben. Im Innovative Retail Laboratory versuchen wir, im Prinzip alle Aspekte des Einkaufens, die eher nerven, zurückzufahren. Und dabei helfen digitale Systeme, die mit dem Menschen interagieren, um ihn bestmöglich zu beraten.

Welche vom IRL entwickelten Systeme sind schon im Einsatz?

Krüger: Der Artikelfinder, im Prinzip die Google-Suche für einen Supermarkt, ist eine der ersten Entwicklungen gewesen, die sich im Praxis-Einsatz befinden. Gerade Globus-Märkte, wo wir das System 2011 eingeführt haben, sind sehr groß und bieten rund 100.000 Artikel auf 15.000 Quadratmeter Fläche. Da kann man schon mal den Überblick verlieren. Wir haben also eine Artikelsuche auf der Fläche ermöglicht: Jeder Kunde kann sich die genaue Position eines Artikels im Laden anzeigen lassen. Bisher gab es den Artikelfinder nur als Terminal im Laden, aber demnächst erscheint auch eine mobile Anwendung. Sie ist um eine Navigations-Funktionalität ergänzt: Bei einer längeren Einkaufsliste, die sich digital erstellen lässt, ermittelt die App die kürzeste Einkaufsroute durch den Markt.

Wollen die Supermärkte ihre Kunden nicht möglichst lange im Laden behalten, damit sie viele weitere Angebote sehen?

Krüger: Bei kleineren Läden mag das der Fall sein, aber wenn Sie sehr große Märkte betreiben wie Globus, Kaufland oder Rewe XXL, dann ist die Zeit für den Einkauf eine kritische Größe. Da wollen die Kunden eher effizient einkaufen. Allerdings wird es bei der Artikelfinder-App auch Entdeckungstouren geben, etwa für exotische Küche. So eine Anwendung bietet dann unbegrenzte Möglichkeiten, allen individuellen Kundenwünschen zu entsprechen.

Das würde tatsächlich den Unterschied zum Online-Shopping etwas relativieren.

Krüger: Genau, offline und online wachsen stärker zusammen. Auch beim stationären Handel hat der Kunde so nicht das Gefühl, dass er Zeit verschwendet hat. Häufig geht es mehr um die gefühlte Zeit. Der Kunde darf nicht den Eindruck bekommen, er würde seine Zeit nicht so nutzen, wie er es am liebsten tun würde. Unnötig lange nach einem Produkt zu suchen, wäre also ungünstig.

Beim Thema Bezahlen hat das IRL Globus dabei geholfen, die Scanner-Kasse gewissermaßen unters Volk zu bringen.

Krüger: Ja, Globus hat nach unserer Beratung in allen neuen Märkten Handscanner eingeführt. Damit können Kunden selbst ihre Produkte im Einkaufswagen scannen, also schon während des Einkaufens. Das hat den Vorteil, dass sie nicht mehr an der Kasse in der Schlange warten müssen, sondern einfach an einem Terminal bezahlen. Außerdem muss der Kunde die Waren nicht mehr extra aufs Band legen. Das wird sehr gut angenommen, obwohl eine professionelle Kassiererin dies im Prinzip viel schneller erledigen könnte. Zu Stoßzeiten mit längeren Schlangen lohnt es sich jedoch in jedem Fall. Aber auch zu normalen Marktzeiten hat der Kunde beim Selbst-Scannen das Gefühl, es würde schneller gehen, weil er das Einscannen der Preise selbst vornimmt und nicht an der Kasse untätig zusehen muss. Er gewinnt mehr Kontrolle über den Einkaufsprozess. Die Geräte liegen auch gut in der Hand, so dass es Spaß macht und einfach ist, sie zu bedienen. Die User-Experience ist also sehr gut.

Kommt der stationäre Handel dank Innovationen wieder in Mode?

Krüger: Ja, Konzepte, die es im Online-Shopping gibt, finden vermehrt Einzug in den stationären Handel, was diesen deutlich aufgewertet hat. Die Tatsache, dass Sie elektronische Assistenten und Hilfsmittel haben, die die Nachteile des Offline-Einkaufens etwas abmildern, führt dazu, dass das stationäre Einkaufen unterhaltsamer wird.

Noch vor wenigen Jahren wurde RFID sehr gehypt, um den stationären Handel zu digitalisieren. Wie sehen Sie diese Technologie der Funketiketten heute?

Krüger: Im Lebensmittelhandel wird sich RFID unserer Meinung nach nie flächendeckend durchsetzen. Im Textilbereich ist es gang und gäbe, dass Funkchips in Kleidungsstücke eingenäht sind. Damit haben Textilhersteller die gesamte Lieferkette unter Kontrolle. Marken wie Gerry Weber oder der japanische Hersteller uniqlo haben so alles im Blick, beginnend mit den Rohmaterialien. Im Textilbereich sind die Margen aber auch größer, für die Ausstattung eines Joghurtbechers sind RFID-Chips immer noch zu teuer. Wir haben bei uns im Labor Kühlregale getestet, die über RFID-Chips wissen, welche Produkte entnommen wurden, um diese Artikel eigenständig zu ordern, so dass der Kunde nie vor einem leeren Regal steht. Inzwischen ist es aber so, dass alternative optische Verfahren sehr viel besser geworden sind.

Also da, wo der Chip zu teuer ist, kommt eine Kamera zum Einsatz?

Krüger: Genau, viele Artikel könnten über die Verpackung erkannt werden. Das ist viel günstiger, weil nichts auf die Verpackung aufgebracht werden muss. Das Erkennen eines Produkts mithilfe des Kamerabilds ist in den vergangenen Jahren viel besser geworden. Dazu trägt die künstliche Intelligenz durch die Weiterentwicklung neuronaler Netze entscheidend bei. Diese Systeme sind zudem lernfähig, so dass Artikel mit der Zeit immer besser identifiziert werden können.

Was wird die Zukunft bringen? Woran forschen Sie gerade?

Krüger: Ein großes Thema sind Empfehlungs- und Filtersysteme am Regal. Die Idee dahinter ist, dass Kunden direkt am Verkaufsregal Hinweise auf Produkte erhalten, die für sie relevant sind. Die schon existierenden Systeme sind etwas umständlich, da die Infos erst angezeigt werden, wenn der Kunde etwa einen Barcode eingescannt hat. Aber interessant wird es, wenn Sie ein Brillensystem haben, in dem Informationen eingespielt werden – und zwar automatisch, sobald Sie in ein Regal reinschauen. Hier ließen sich dann gleich Artikel ausblenden, die sich für den Kunden ohnehin nicht eigenen würden, weil er auf die Inhaltsstoffe allergisch reagiert oder die er schlichtweg nicht mag. Damit ergibt sich eine personalisierte Sicht, sobald der Kunde einen Markt betritt. Bei uns im Labor haben wir das am Beispiel eines Müsliregals erfolgreich getestet. Hier werden diejenigen Müslisorten durch die Brille ausgegraut, die für den Kunden nicht interessant sind.

Bisher hatten es Datenbrillen eher schwer, sich durchzusetzen.

Krüger: Noch sind diese Brillen etwas zu klobig und zu teuer, aber wenn man mal zehn Jahre weiterdenkt und diese Datenbrillen sehr viel kleiner und günstiger sein werden, dann wird das einen großen Einfluss auf unser Einkaufserlebnis haben. Es wird sich ohnehin vieles automatisieren. Über Kameras im Kühlschrank und in Vorratsschränken wird uns ein virtueller Einkaufsmanager immer sagen, wieviel Brot und Butter noch zu Hause ist. Diese banalen Alltagsartikel, deren Verbrauch leicht vorhersehbar ist, werden in Zukunft wahrscheinlich überwiegend automatisch nach Hause geliefert, so dass wir uns im Supermarkt ganz auf Produkte konzentrieren können, die besonders und eben nicht alltäglich sind. Dank der Digitalisierung werden wir mit einer anderen Geisteshaltung einkaufen gehen.

Zur Person:

Prof. Dr. Antonio Krüger ist der wissenschaftliche Direktor des Innovative Retail Laboratory (IRL) in St. Wendel, das an das Deutsche Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz (DFKI) in Saarbrücken angegliedert ist.

Autor: Redaktion Zukunft. Kunde.
Bild: Innovative Retail Laboratory (IRL)

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