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Dr. Damian Borth, Direktor des Deep Learning Competence Centers am DFKI, über Künstliche Intelligenz: Noch nicht sexy genug

Dr. Damian Borth, Direktor des Deep Learning Competence Centers am DFKI, über Künstliche Intelligenz: Noch nicht sexy genug

Dr. Damian Borth gehört in Deutschland zu den führenden Köpfen auf jenem Forschungsfeld der künstlichen Intelligenz (KI), das aktuell besonders angesagt ist: dem Deep Learning. Ein Gespräch mit „Mister Deep Learning“ über Trends der Zukunft und Herausforderungen der Gegenwart auf seinem Fachgebiet.

Herr Dr. Borth, worüber forschen Sie aktuell am Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz (DFKI)?

Borth: In unserem aktuellen Projekt geht es darum, neuronale Netzwerke und deren modulare Strukturen zu verstehen, damit wir Kombinationen von Netzen bauen und evaluieren können. Die Ergebnisse werden dann in vielfältigen Anwendungen implementiert. Beispielsweise im selbstfahrenden Auto, der Bild- und Spracherkennung, der Satellitenbildanalyse oder der Robotik.

Mit anderen Worten: Sie trainieren neuronale Netzwerke?

Borth: Genau! Das Deep Learning ist ein Unterbereich des maschinellen Lernens. Dabei bringen wir neuronalen Netzwerken bei, beispielsweise das Konzept eines Katzenbildes zu verstehen und zu erlernen. Dafür benötigt man sehr viele Trainingsdaten.

Heute forschen Sie noch darüber. Und in zehn Jahren? Wird die KI dann ein alltägliches Phänomen sein?

Borth: Es wird so sein, wie bei jedem Technologieumbruch. Vor zehn Jahren war ein Smartphone noch ein magisches Gerät. Heute benutzt es fast jeder, ohne sich darüber zu wundern, was man für ein technisches Wunderwerk in Händen hält. Das wird auch bei der KI der Fall sein. Erfolgreiche KI wird in zehn Jahren nicht mehr als KI wahrgenommen werden, sondern als Interface im Smartphone, im Wohnzimmer oder im Auto. Der klassische Roboter wird dann nicht mehr das Sinnbild für KI sein. Aber wir werden ohne sie nicht mehr leben wollen, weil sie uns dabei hilft, den Alltag zu bewältigen.

In welcher Branche sehen Sie denn das größte Potenzial für die KI?

Borth: Das Deep Learning ist ja eine relative neue Disziplin. Innerhalb von nur fünf Jahren sind die neuronalen Netzwerke immer tiefer und besser geworden – inzwischen haben wir Netze mit Hundert wenn nicht Tausend Schichten und mit Milliarden von Verknüpfungen. Diese intelligenten Netzwerke werden in vielfältigen Anwendungen seit zwei Jahren massiv von der Automobilbranche genutzt, aber auch vom Einzelhandel und neuerdings von der Versicherungs- und Finanzindustrie, um Schadensfälle zu regulieren oder Investments zu tätigen. Dieser Trend zur KI wird sich in den kommenden Jahren verstärken, weil junge Konsumenten das einfach verlangen.

Gibt es denn auch Branchen, die diese Schlüsseltechnologie noch nicht entdeckt haben, obwohl sie davon profitieren könnten?

Borth: Es gibt Branchen, die aufgrund von regulatorischen Schranken oder fehlendem Vertrauen in die neue Technik noch zögern. Dazu gehört der Medizinbereich, wo die KI wertvolle Unterstützung bei der Diagnose oder der Analyse von bildgebenden Verfahren leisten könnte. Auch in der Pharmaindustrie könnte die KI sinnvoll eingesetzt werden, um neue Medikamente zu entwickeln. Aber ich sehe nicht, dass in diesen Bereichen in Kürze durch die KI Ergebnisse erzielt werden. Dafür sind die regulatorischen Schranken einfach zu hoch.

Was ist mit dem Bereich der Pflege?

Borth: Der Wissenschaftliche Direktor des DFKI, Prof. Wolfgang Wahlster, betont gern, dass es auch in Zukunft keine KI geben wird, die einem Kind das Fahrradfahren beibringt. Ein wichtiger Hinweis auf die Grenzen der KI. Pfleger, Erzieher oder Lehrer, also Berufe, die eine emotionale Interaktion erfordern, werden zwar eines Tages durch KI unterstützt, aber nie gänzlich ersetzt oder abgelöst werden.

Aber der nächste Schritt sind doch intelligente Stimmungsassistenten im Smart Home, die auf individuelle Emotionen reagieren und dementsprechend Dienste anbieten?

Borth: Es wird schon bald sensorische Systeme geben, die die menschliche Gesichtsmimik erkennen und deuten können. Apple hat mit seiner Face-ID dazu bereits den ersten Schritt gemacht. In ein oder zwei Jahren werden wir dann so viele Daten haben, dass wir die KI trainieren können, Gesichtsgesten zu erkennen. Ein weiteres Beispiel ist die Kontaktlinse, die den Blutzucker misst. Daran arbeitet derzeit Google mit Novartis. Das sind alles sehr hilfreiche Elemente, die den Alltag erleichtern können. Aber es sind alles nur Optionen. Die entscheidende Frage ist, ob der Mensch diese technischen Möglichkeiten auch nutzen will.

Die KI kann in vielen Bereichen vieles einfacher machen. Warum wird dann in Deutschland diese Schlüsseltechnologie nicht stärker vorangetrieben?

Borth: Aus meiner Sicht spielen dabei drei Faktoren eine Rolle: 1. In den USA, Russland und China wird massiv in diese Technologie investiert. Diese Länder rennen uns weg, weil wir nicht bereit sind, ähnliche Investitionen zu tätigen. Allein in den nächsten Jahren benötigen wir vier Milliarden Euro, um damit die notwendige Forschung und entsprechende akademischen Stellen aufzubauen. 2. Wir haben in Deutschland nicht genügend Informatiker, weil bei uns das Image der Informatik nicht sexy genug ist. In den USA werden Informatiker gefeiert wie Rockstars. Das Thema KI ist dort so populär, dass es zum Beispiel an der University of California in Berkeley im Basketballstadion unterrichtet wird. 3. In Deutschland sind wir historisch bedingt sehr vorsichtig, private Daten auszutauschen. Wir müssen lernen mit dem Thema Privatsphäre anders umzugehen und diese im Kontext verstehen lernen.

Ist die deutsche Ingenieurstradition, immer nur das perfekte Produkt abzuliefern, auch bei der KI ein Hemmnis?

Borth: Die deutsche Ingenieurskunst ist notwendig, damit wir wettbewerbsfähige Produkte auf den Markt bringen. Gerade beim Thema KI ist das Vertrauen des Kunden wichtig. Das können wir aber nur gewinnen, wenn wir kontinuierlich zeigen, dass die intelligenten Maschinen zuverlässig arbeiten. Deswegen können wir gar nicht mit einer Beta-Version starten und darauf hoffen, dass sich durch Updates die KI und das Produkt verbessern.

Last but not least: Kritiker befürchten, dass die KI in den kommenden Jahren die menschliche Arbeit gänzlich ablösen könnte. Wie sehen Sie das?

Borth: Hollywood hilft uns nicht weiter! Das sehe ich nämlich so. Oft haben die Menschen ein gewisses Bild im Kopf, das aus bekannten Filmen stammt. Ähnlich ist es beim Thema Arbeitsplatz. Die KI-Systeme, welche heute sehr erfolgreich sind, sind auf ihre spezielle Aufgabe trainiert. Das heißt, diese Systeme können auch nur die eine Aufgabe erfolgreich meistern, aber keine andere. Hier sind wir Forscher gefordert, der KI ihre Magie zu nehmen und sie den Menschen noch besser zu erklären – gerade im Hinblick auf das, was diese Systeme leisten können und was nicht. Deswegen plädiere ich auch dafür, einen KI-TÜV einzuführen. Also eine Behörde, die jede KI vor ihrer Einführung zertifiziert. Dann hätten die Menschen auch weniger Sorge vor der KI und ihren möglichen Folgen, über die in der Literatur nur spekuliert wird.

Zur Person:

Dr. Damian Borth ist Direktor des Deep Learning Centers am Deutschen Forschungsinstitut für Künstliche Intelligenz (DFKI) in Kaiserslautern.

Autor: Redaktion Zukunft. Kunde.
Bild: zapp2photo – Adobe Stock

 

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